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Berichte 2009

Berichte 2009

 

Teil 1 (Ferienlager) - von Sophie Stiller

Fotogalerie Teil 1

Wir sind eine Gruppe von elf Jugendlichen, die sich letztes Jahr aufgemacht haben, um mit Brasilien und den dort herrschenden Verhältnissen vertraut zu werden, vor allem aber, um aktiv zu sein und Kontakte und Beziehungen zu den Menschen dort aufzubauen. Wir, Marie, Lea, Doro, Gabriel, Max, Paul, Saskia, Nora, Sophia und ich waren in Brasilien!

1.Vorbereitungen

Wir begannen im Oktober 2008 bei regelmäßigen Gruppentreffen unsere Reise zu planen. Wir hatten eine Menge Ideen, wie wir an Geld für unsere Vorbereitungen und für das Möglichmachen unseres Projektes kommen könnten und versuchten, diese umzusetzen. In erster Linie waren natürlich Spendengelder interessant, weshalb wir an viele Firmen schrieben und auch mehrere Antworten erhielten. So bekamen wir beispielsweise von “DM” 500 Euro an Unterstützung, als auch eine Menge Füller von “Staedtler”, welche wir der Waldorfschule in Serra Grande überreichten, der es hinten und vorne an Schulmaterial fehlt. Zur Vorstellung unseres Projektes stellten wir eine Mappe mit Infos und Fotos der vorigen Reisen zusammen, mit welcher wir Interessenten einen kurzen aber deutlichen Einblick in unser Vorhaben schenken konnten. Auch nahmen wir viele andere Möglichkeiten, an Geld zu kommen, wahr: Es gab in Erlangen eine Stadtreli, bei welcher die Erlanger Christengemeinschaft einen Stand hatte. Neben einer Tombola für Kinder, welche wir organisiert hatten, verkauften wir selbstgebackenen Kuchen und Waffeln. Außerdem beteiligten wir uns an mehreren Trödelmärkten und verkauften Kleider, welche wir vorher eigens dafür gesammelt hatten. Einige von uns übten ein Puppentheaterstück ein, welches einige Male aufgeführt wurde, unter anderem in Brasilien für die Kinder aus den Armenvierteln, welche am Ferienlager teilnahmen. All diese Vorbereitungen machten es uns möglich, unser Vorhaben zu verwirklichen und eine wundervolle Zeit in Brasilien zu verbringen, in welcher wir uns mit den dort aktuellen Umständen auseinandersetzten und dadurch vor allem menschlich um einiges reifer geworden sind, während wir auf sozialer Ebene aktiv waren.

2. Brasilien

Nach unserem zwölfstündigen Flug kamen wir am Flughafen von Sao Paolo an., wo wir abgeholt wurden und gleich darauf unsere Fahrt in das drei Stunden entfernte Gebiet “Campus do Jordao“ antraten. Einige der jugendlichen Brasilianer, mit welchen wir zusammen beim Ferienlager der Kinder arbeiten sollten, warteten im Bus auf uns und so fuhren wir gemeinsam. Während dieser Fahrt und bei unserem ersten brasilianischen Essen in einer Raststätte hatten wir die Gelegenheit, unsere späteren brasilianischen Freunde etwas kennenzulernen und erste Kommunikationsversuche zu starten. Die ersten Eindrücke waren überaus sympathisch und .. eben brasilianisch. Der Unterschied der Brasilianer zu den Menschen aus unserer Heimat viel uns sofort auf, allein schon als wir am Flughafen auf unser Gepäck warteten und ein Angestellter in Uniform singend auf einem Fenstersims herumspazierte. Allgemein war alles unglaublich lebhaft, ja lebendig und fröhlich dort. Singend durch die Stadt zu laufen war für uns bald nichts Außergewöhnliches mehr. Da ich die einzige brasilianisch sprechende Person unserer Gruppe war, übernahm ich vorerst die Rolle des Dolmetschers, jedoch waren alle nach einigen Tagen bemüht, sich selbstständig zu verständigen und somit ihren Brasilianischkenntnissen eine Grundlage an wichtigen Wörtern zu schaffen. Während unserer mehr oder weniger langen Busfahrt konnten wir die uns völlig neue Landschaft betrachten und sahen die anfänglichen Slums Sao Paolos nach und nach in reinste Natur überwechseln. Als wir schließlich am nächstgelegenen Örtchen unseres Ferienlagers ankamen, wartete bereits ein kleiner offener Laster auf uns, den wir mit unserem Gepäck und später noch mit einigen Leuten bepackten, während die anderen den Weg zum Feriengelände zu Fuß antraten. Ich befand mich unter den fahrenden Leuten und kann sagen, dass diese Fahrt, welche wohl eine gute Dreiviertelstunde dauerte, die reinste Abenteuertour war und uns mit einem Schlag der völlig anderen Welt, die Brasilien ausmacht, bewusst werden ließ,- wir somit gänzlich in dieser ankamen. Das Wetter hatte schon als wir am Flughafen angekommen waren mit seiner nassen Laune keinen Unterschied zu dem in Deutschland zurückgelassenen gemacht. Wir brachen bei Regen in Frankfurt auf und kamen bei Regen an, weshalb vielleicht der Übergang etwas fließender vonstatten ging, es allerdings wohl auch schwieriger war, den plötzlichen, innerhalb weniger Stunden stattgefundenen Wechsel zu realisieren. Außerdem wurde deshalb unsere vergleichsweise kurze Fahrt auf dem Laster etwas ungemütlich oder sagen wir, auf alle Fälle außerordentlich aufregend. Der Weg zum Gelände, auf dem seit vier Jahren das Ferienlager für Kinder aus d en Armenvierteln Sao Paolos stattfindet, welcher der Bezeichnung Straße kaum gerecht werden würde war gänzlich aufgeweicht und mit kleinen Seen überdeckt. Da neben dem Gepäck nur noch sehr beschränkt Platz für uns war und die Ladung, zu welcher wir gehörten, den Anhänger fast sprengte, hingen im hinteren Teil des Wagens die dort platzierten Leute halb heraus und wurden bei jedem Hopser fast abgeschüttelt. Auch ich saß mit meinem Oberkörper hinausgedrückt auf der hintersten Kante und klammerte mich mehr schlecht als recht an eine der Holzstangen, welche die Überdachung des Wagens trugen. Es war besser als Achterbahn fahren, das kann ich durchaus behaupten. Für die Brasilianer war dieses Erlebnis nichts unbedingt neues, aber für uns Deutsche, die wir aus einem Land kommen, welches für Regeln und Ordnung steht, war bis dahin eine solche Aktion undenkbar gewesen. Doch in den kommenden Wochen erlebten wir noch viele weitere Abenteuer und wir gewöhnten uns an unberechenbare Situationen, sowie daran, immer locker zu bleiben. Denn neben der zu ihrer Mentalität gehörenden lockeren und leicht chaotischen, jedenfalls nie perfekt organisierten und durchgeplanten Vorgehensweise der Brasilianer ist da noch eine große, herzliche Spontanität, die alles andere ausgleicht und darüber hinaus. Ja, wir verliebten uns in die Herzlichkeit und Wärme der Menschen dort und in die Freundlichkeit der gesamten Atmosphäre Brasiliens. Das Chaotische und zuerst Verwirrende der völlig neuen Umgebung, der Schmutz und die zum Teil unfertigen, völlig individuellen Bauten, das Ärmliche der Gegenden,- all das Nichtperfekte, das wir, frisch dem blitzenden und wohlhabenden Deutschland entsprungen, vorerst verarbeiten mussten, wurde uns in dem Sinne immer sympathischer, dass es mit der Menschlichkeit der Leute in seiner unperfekten Art im Einklang war. Dass jegliche Spur von Sterilität fehlte, alles einen persönlichen Bezug zu den Menschen zu haben schien. Denn obgleich die Armut natürlich ausmachend ist für dieses Land, strahlen die Menschen dort Ausgeglichenheit und auch Glück aus, geben sie sich zufrieden mit sehr bescheidenen Bedingungen. Man kann sich innerlich frei fühlen, dort.

Doch kommen wir zurück zu unserer Abenteuerfahrt. Nach einigen halsbrecherischen Kurven, die beinahe unglücklich ausgegangen wären, sowie ein paar Mal Steckenbleiben in der aufgeweichten Straße bogen wir endlich in das Gelände ein, wo wir die nächsten zehn Tage verbringen sollten. Dort wurden wir bereits von weiteren jungen Brasilianern, aber auch von den beiden Lagerleitern, Corrado und Tesilia, in Empfang genommen. Den Rest des Tages, sowie den kommenden Morgen verbrachten wir mit Vorbereitungen, da an diesem Tag die Kinder ankommen sollten. Wir waren alle sehr aufgeregt und freuten uns auf das Kommen unserer zukünftigen Schützlinge. Am Abend zuvor hatte unsere erste Helferbesprechung stattgefunden, in welcher wir uns mit allen Brasilianern, die ein leckeres Empfangsessen für uns vorbereitet hatten, bekannt machten und in der vieles besprochen wurde bezüglich der Organisation der Freizeit. Es wurden die Gruppenleiter der verschiedenen Gruppen bestimmt und wir wurden mit dem Tagesablauf des Lagers, sowie mit weiteren wichtigen Punkten vertraut gemacht. Als es dann endlich soweit war, wurde der bereits bekannte Laster zum Ort geschickt, an welchem wir angekommen waren und an welchem nun auch die Kinder in Empfang genommen wurden. Zwei volle Busse kamen mit großem Hallo angefahren und die Kinder winkten und riefen uns schon von den Fenstern aus zu. Nach dem ersten Begrüßungsgeschrei ging es auf zum Lager.

Die Fahrt war dank des Matsches stellenweise schwierig, auch war der Laster, mit dem nun die Kinder fuhren, leicht überfüllt. Doch letztendlich befanden sich am Ende alle sicher bei den Häusern des Campgeländes und die Gruppeneinteilungen wurden bekanntgegeben. Die Kinder wurden gruppenweise auf die vereinzelten kleinen Häuser verteilt, in denen sie zusammen mit ihren Betreuern schlafen sollten. Als allererstes sollte sich nun jede Gruppe einen Gruppennamen ausdenken, den sie in einem kleinen Theaterstück, das innerhalb von einer halben Stunde eingeübt wurde und Hinweise auf den Namen enthielt, präsentierten. Da es insgesamt zehn Gruppen gab, nahm das darauffolgende Spektakel einige Zeit in Anspruch. Das Ratespiel wurde von viel Gelächter begleitet und schließlich waren dann alle Namen bekannt. Am Abend dieses Tages gab es die erste Nachtversammlung in der kleinen Kirche, die sich in der Mitte des Geländes befindet. Um sie herum sind auf dem an einem Hügel gelegenen Platz, der von Wald umgeben ist und stufenartig nach oben geht, zehn kleine Häuser verteilt, allerdings in einigem Abstand zueinander. Hinter dem obersten Haus befindet sich ein Wasserfall, von dem aus ein Flüsschen hinunterführt in einen kleinen See, “laguinho” (“Seechen”). In diesem kleinen Gewässer wurde jeden Tag gebadet und getobt, auch benutzten einige von uns das eisige Wasser in der Früh zum aufwachen. Das Besondere am Laguinho ist, dass ein langer Baumstamm von einem Ufer zum anderen geht, der trampolinartig federt, wenn man auf ihm herumspringt. Also standen immer alle Kinder und Betreuer in einer Reihe auf diesem und übten sich in der speziellen Wipptechnik, die es einem ermöglicht, nicht herunterzufallen. Kam man dabei aus dem Takt, wurde man vom Stamm geschleudert und viel ins Wasser. Für die Kinder war diese Badegelegenheit zusammen mit dem Wippspaß natürlich eine Sensation sondergleichen, sowie allein schon die Natur, die sie bisher noch nie in diesem Ausmaß erleben durften, etwas völlig Neues für sie darstellte. Denn kaum einer von ihnen hatte bisher den Bereich des heimatlichen Armenviertels verlassen. Somit war alles, was es dort nicht gibt: Wälder, Berge, Felsen und saubere Flüsse ihnen völlig fremd. Umso faszinierter und beteiligter verfolgten sie die Geschehnisse, erlebten sie die neue Umgebung in diesen zehn Tagen. Doch zurück zu unserer ersten Versammlung am Abend. Natürlich war dank der enormen Aufregung noch keiner in der Verfassung, schlafen zu gehen. Wir sangen, wie wir es an jedem der folgenden Tage machen sollten, abendliche, friedliche Lieder und lauschten einer Geschichte, die von Corrado an diesem Abend angefangen wurde, sich die nächsten Abende über fortsetzte und schließlich am Abend vor unserem Abschied ihr Ende fand. Doch so weit sind wir noch lange nicht.

Die Kinder bekamen bei diesen Abendversammlungen ein kleines Honigtütchen, an welchem sie saugen konnten, jedoch nur, sofern sie das Rätsel, das jeden Morgen verkündet wurde, richtig beantworten konnten. Natürlich verbreitete sich die Lösung, kaum aufgetaucht, in Windeseile unter den Kindern, aber es war für sie eine durchaus ernsthafte Angelegenheit. Am ersten Abend erwies sich das Zubettbringen der Kinder für die Gruppenbetreuer als äußerst schwierig, was auf die nachvollziehbare Aufregung über alles Neue und Ungewohnte, sowie natürlich die allgemeine Freude zurückzuführen war. Jedenfalls waren alle von uns sehr beschäftigt und dankbar, als wir schließlich bei der Helferbesprechung auftauchen konnten, welche auch jeden Abend, nachdem alle Kinder mehr oder weniger erfolgreich ins Bett gebracht worden waren, stattfand und bei welcher alles, was anstand und auch alles Vorgefallene besprochen wurde. Am nächsten Morgen versammelten wir uns in aller Frühe und probten kurz unser Wecklied.

Dann zogen wir von Haus zu Haus und weckten die Kinder mit unserem Gesang, woraufhin uns aus dem jeweiligen Inneren ein mal verschlafenes, mal sehr lebhaftes “Booom Diiaaaa” (guten Morgen) entgegenschallte. Unser letzter Besuch galt dem Küchenteam, welches schon vor sechs Uhr Morgens jeden Tag am Start war, um uns zu versorgen. Dann machten sich alle Betreuer zu ihren Gruppen auf und kümmerten sich um ein möglichst geordnetes Anziehen, woraufhin man sich zum Morgenkreis versammelte. Die Kinder bildeten, zusammen mit uns, einen großen Kreis auf einer der Wiesen.

Es wurden Morgensprüche aufgesagt und schließlich nahmen sich alle bei der Hand, wodurch eine lange Schlange entstand und einer der Betreuer führte diese in eine Spirale hinein und, in der Mitte angekommen, wieder hinaus. Begleitet wurde es mit einem fröhlichen Lied. Dann zogen wir Hand in Hand nach oben, in den Speiseraum, wo uns das Frühstück erwartete. Auch hier gab es feste Tischgruppen mit jeweils drei bis vier Betreuern. Jeder Tisch hatte selbstgemalte Schildchen und einen mit diesem Bild verbundenen Namen. So gab es zum Beispiel die Gruppe “Baumhaus”, oder die Gruppe “Iglu”.

Nach der ersten Hälfte wechselte übrigens die Tischnamenthematik von, wie hier ersichtlich ist, Gebäuden zu Hüten. Also hieß man dann “Sombrero” oder “Cowboyhut. Auch die Gruppen der Tische änderten sich bei dieser Gelegenheit, was neue Bekanntschaften ermöglichte, denn man hatte bei hundert Kindern kaum die Möglichkeit, jedes Kind tiefer kennenzulernen. Ich persönlich hatte das Glück, zweimal mit einem Jungen am Tisch zu sitzen, mit welchem ich mich im Laufe der Tage sehr eng befreundete. Er hieß Thiago und war mir wegen seiner zurückhaltenden Art und seinem herzlichen Lachen sofort sympathisch gewesen. Ja, das Essen war immer eine spaßige Angelegenheit, verbunden mit, wie es der brasilianischen Art entspricht, viel Gelächter und vielen Späßen. Was einem allerdings in den ersten Tagen auffiel war die Essweise der Kinder.

Kaum eines traute sich, nachzuholen, alle aßen mit Respekt, kauten bedächtig, fast feierlich und Beschwerden über das Essen blieben komplett aus. Das imponierte uns enorm.

Manche der Kinder waren nur schwer zum essen zu bringen, was Teil der Schwierigkeiten war, die wir wegen manchen schlimmen Vergangenheiten der Kinder durchaus hatten. Neben Essstörungen machten sich auch Konzentrations- oder Autoritätsprobleme bemerkbar. Aber die Freude und der allgemeine Spaß, den wir mit den Kindern in diesen Tagen hatten, ließen diese Schwierigkeiten nebensächlich erscheinen, auch wenn sie dennoch präsent und in der richtigen Art und Weise zu behandeln waren. Oftmals war uns nicht klar, was der richtige Weg war, mit schwierigen Kindern umzugehen, ihren Erlebnissen und Erfahrungen gerecht zu handeln. Sicherheit und Halt geben zu können und dennoch die allgemeine Unbefangen- und Ausgelassenheit nicht zu beeinträchtigen, indem man sich in schwierige Situationen hineinsteigerte. Ich denke, wir alle haben unser Bestes getan, um das zu ermöglichen.

Doch zurück zu unseren Tischgruppen. Es gab zwei große Tischwettbewerbe, jeweils im Zeitraum von einer Woche. Bei jeder Mahlzeit gab es eine Aufgabe zu bewältigen, die von Corrado vor diesen verkündet wurde. So durfte man das eine Mal nicht “nein” sagen, das andere Mal keine Geräusche mit dem Besteck verursachen, oder man durfte sich weder selber bedienen, noch jemanden bitten, das für einen zu erledigen. Große Stille herrschte im Raum, wenn die Aufgabe verlangte, dass man kein Wort sagte. Sobald eine Regel gebrochen, ein Fehler begangen worden war, gab es einen Punkt für diese Gruppe und nach jedem Essen wurde die erreichte Punktzahl von Corrado notiert. Bei der Verkündung des Gewinners der beiden Wettbewerbe ließ Corrado die verschiedenen Punktansammlungen der Gruppen verlauten und der Gewinner war somit die Gruppe mit den wenigsten Punkten. Als Preis bekamen die Gewinner einen Korb voller “Pao de Queijo” (Käsebrötchen), einer brasilianischen Spezialität, mit welcher wir uns schon bei unserem kurzen Aufenthalt am Flughafen in Sao Paolo angefreundet hatten. Die Aufgabe, die immer am meisten Gelächter mit sich brachte, war die Niemalsnein- Aufgabe, denn keiner, ich mit eingeschlossen, brachte es fertig, völlig nein- frei zu reden. Im Portugiesischen wird dieses Wort, wie mir aufgefallen ist, übrigens viel öfter verwendet als im Deutschen. Das liegt aber nicht an einer ablehnerenden Einstellung, sondern vielmehr daran, dass es im Portugiesischen nicht so viele Verneinungsmöglichkeiten wie im Deutschen gibt. So gibt es für unsere vielfältigeren Wortwahlmöglichkeiten, wie nein, kein, nicht, auf portugiesisch nur das eine Wort: “Nao”. Umso öfter wird dieses allerdings verwendet, ist in so gut wie jedem zweiten Satz vorhanden, da es in einfachen Sätzen wie “Ich glaube nicht“ oder “Ich habe keine..” vorkommt. Das Lustige ist, dass die Brasilianer dieses Wort aus Gewohnheit oft zweimal im gleichen Satz verwenden, zur Bekräftigung der Aussage, während wir es bei einem Mal belassen. Das hieß dann in unserem Fall, dass intuitiv Doppelfehler begangen wurden, die dann auch doppeltes Gelächter zur Folge hatten. Beispielsatz: “Eu nao quero mais nao.” ? “Ich möchte nicht mehr.”

Ich weiß nicht, wie viele Punkte meine Gruppen allein dank mir einkassierte.

Nach jedem Frühstück gab es die Phase des Aufräumens und Saubermachens, bei welcher die Kinder ihre Häuschen und Zimmer auf Trapp brachten. Das geschah innerhalb von einer guten halben Stunde. Danach begaben sich alle Kinder und auch wir hinauf in den “Caramanchao”, ein pavillonartiges Gebäude, in das alle hundert Kinder gerade so hineinpassten. Dort saßen sie dann auf Bänken, während die Betreuer außen herum standen, Musik machten und Geschichten erzählten. In Begleitung von Trommeln, Gitarren und anderen Instrumenten sangen wir brasilianische Volkslieder, aus allen Bereichen Brasiliens. Es war eine außerordentlich fröhliche Stimmung jeden Morgen; den Gesang hörte man bis weit übers Tal hin. Während des Gesangs ging einer der beiden Zwerge durch die Häuser, und besichtigte die geleistete Arbeit, bezüglich der Sauberkeit der Zimmer. Hatte er alle durch, so ging er zurück in den “Caramanchao” , wo er sein Gesehenes preisgab, Bemängelungen äußerte und jeder Gruppe eine Bewertung in Form von Spielgeld ausgab. Hatte es eine Gruppe geschafft, ihr Haus perfekt zu säubern und möglicherweise auch noch Ideen zur Verschönerung ihres Zimmers zu verwirklichen, so gab es für jedes Gruppenmitglied eine “Sonne”. Der “Mond”, die nächst niedrigere Stufe, war auch nicht übel, allerdings ärgerte man sich, wenn man nur einen “Stern” bekam. Dieses “Geld” konnte man beim “Lädchen”, welches es nach der Mittagspause jeden Tag gab, einlösen und bekam Kuchen oder andere Süßigkeiten dafür. Die beiden Zwerge waren übrigens zwei Handpuppen, die neben der Sauberkeitsüberwachung auch zuständig für die Lösung von Konflikten oder Problemen waren und von allen Kindern sehr respektiert wurden. Natürlich übermittelten sie uns alles, was sie zu sagen hatten, über Corrado und Tesilia, die auch manchmal anfingen, mit ihnen zu diskutieren. Eine Geschichte in täglichen Fortsetzungen gab es zwischen Gesang und Gespräch mit den Zwergen auch am Morgen und eben die Verkündung bereits erwähnten Rätsels. Die Kinder hatten also den ganzen Tag über Zeit, sich über die Lösung den Kopf zu zerbrechen, aber eben auch genügend Zeit, diese publik zu machen. Was nun folgte war die Gruppenzeit, in welcher jeder Gruppenleiter zusammen mit seinen beiden Helfern ein spezielles Programm vorbereitet hatte, welchem nun intern nachgegangen wurde. Manchmal schloss man sich auch mit einer anderen Gruppe zusammen und unternahm Spaziergänge, oder Fußballspiele. Oben, hinter dem letzten Haus grenzt urwaldartiges Gebiet an das Gelände. Dieser Wald bedeckt den ganzen Hügel. Folgt man nun dem kleinen Fluss, welcher in erwähntes Laguinho fließt und begibt sich hinter den Wasserfall, so kann man ihn auch dort weiterverfolgen und an ihm bis hinauf zum Ursprung, zur Quelle entlanggehen. Das war eine beliebte Tour. Auch ich bin sie einmal zusammen mit meiner Gruppe gegangen, bzw. geklettert, denn wegen ihrer Steilheit musste man sich auch mit den Händen Halt suchen. Weit oben hatten wir dann nach allen Strapazen einen wunderbaren Ausblick auf die weite, hügelige Landschaft. Beliebt bei den Kindern waren auch andere Aktivitäten, die innen stattfanden, wie Brotbacken oder das Einüben eines Tisch- Rhythmusspieles, für welches es später einen speziellen Wettbewerb gab. Den Gewinnern winkte wieder ein besonderer Preis. Beim Mittagessen kamen alle Gruppen zusammen und man tauschte sich untereinander über das Erlebte aus.

Nachmittags schließlich gab es für die Betreuer eine knapp zweistündige Pause, in welcher wir uns ausruhen konnten, nebenbei aber ein Auge auf die Kinder haben mussten, die sich in dieser Zeit selbst beschäftigten. Diese zwei Stunden konnten wir auch nutzen, um uns für unsere Bastelaktivitäten vorzubereiten, welche es nach der Nachmittagsruhe gab. Jeder der Betreuer, brasilianisch als auch deutsch, hatte eine Bastelaktivität, die er den Kindern vorstellte. Es gab Ketten- und Armbändchenbasteln, Batik, Herstellen von verschiedenartigsten Spielzeugen, Sterne basteln aus Zahnstochern, Schachteln aus Eisstängeln, Jonglierbälle aus Luftballons und vieles mehr. Die Kinder konnten nun frei wählen, an was sie sich beteiligen wollten und man zog sich also mit seiner entstandenen Gruppe für ein paar Stunden zurück. Diese Phase der Konzentration und der Geduld bildete einen wichtigen Ausgleich zu den lebhaften Aktivitäten, die den restlichen Tag ausfüllten. Die Kinder waren meistens begeistert und ernsthaft bei der Sache, auch faszinierte sie wohl das bisher Ungeahnte, das man mit seinen eigenen Händen vollbringen kann. Die schönsten Sachen entstanden in diesen Stunden.

Gleich danach gab es den Gruppentanz, der einen Gegensatz zu den vorher eher introvertierten Aktivitäten bildete und bei welchem die Kinder nun völlig ausgelassen sein durften. Getanzt wurde auf einer der großen Wiesen neben dem kleinen See, wir hatten sogar den Luxus einer eigenen Musikkappelle. Um diese herum bildeten wir nun mit den Kindern zusammen einen großen Kreis und wir tanzten, hüpften, lachten und sangen zur Musik. Für mich persönlich war dieser Riesentrubel mit seiner fröhlichen Stimmung das schönste am Tag.

Nach dem Tanz stürmten alle hinauf zum Abendessen und nach diesem ging es hinunter zur Abendversammlung in der Kirche. Ja, ich denke, dass jetzt der grobe Umriss des Tagesablaufes soweit erläutert ist.

In der Mitte der Woche gab es einen großen Ausflug, bei welchem alle, das Küchenteam mit eingeschlossen, für einen Tag durch die Landschaft zogen. Bei dieser Gelegenheit lernten wir die Umgebung noch besser kennen, konnten wir weite Flächen des Landes ganz von oben betrachten. Um das zu ermöglichen, hatten wir vorher auch einige Arbeit zu leisten gehabt, denn es ging die erste Hälfte des Tages ausschließlich bergauf. Wir wanderten durch den grünsten Wald, den ich jemals gesehen habe, tappten hintereinander in einer Reihe auf einem schmalen, glitschigen Trampelpfad und zogen an Lianen, die uns um die Köpfe baumelten. Ich selber hängte mir einige um den Hals, weil ich sie später als Material für meine Bastelaktivität gebrauchen wollte. Von dieser Wanderung kann man sich wohl kaum eine Vorstellung machen. Die Kinder, an die hundert in der Zahl, bildeten zusammen mit uns eine schier unendliche Schlange, die sich durch den Wald aufwärts schlängelte. Alle weiteren Schlangen, die es sonst noch in diesem Wald gab, dürften wohl Reißaus genommen haben, da der Geräuschpegel überdurchschnittlich hoch war. Das Lachen der Kinder, welches uns nach ihrer Abreise so sehr fehlen sollte, war allgegenwärtig. Ja, auch bei diesem Ausflug begleitete uns das wilde Geschnatter, Teile der Schlange sangen auch Lieder, die sie im Ferienlager gelernt hatten. Als wir nach diesem intensiven Grün nun endlich oben angekommen waren, erwartete uns eine traumhafte Sicht und alle hielten Ausschau nach der roten Fahne, die an einem großen Baum, der mitten im Campgelände steht, oben befestigt ist. Befriedigenderweise wurde diese auch gesichtet und so konnten sich nun alle getrost zum Essen begeben. Da merkten wir dann auch, wie ausgehungert wir alle waren. Die Krönung der Mittagspause bildete ein großen Gruppenspiel auf einer nahegelegenen Wiese. Da war dann wieder riesiger Spaß angesagt und alle tobten umher, bis es zum Rückmarsch ging. Dieser zweite Teil der Wanderung ging nicht mehr nur durch den Wald, wir liefen hauptsächlich auf großen Wiesen, von welchen aus man einen tollen Ausblick hatte. Deshalb gab es auch die lange Schlange nicht mehr, sie zerfiel in kleine Brocken, die sich auch mit der Zeit immer weiter voneinander entfernten, wobei die Betreuer versuchten, das ganze zusammenzuhalten. Aber da wir alle gut unter den Kindern verteilt waren, war es nicht allzu problematisch, dass wir so flächig liefen. Nach einigen Stunden kamen wir an einen Hügel, von dem aus wir die letzten, intensivsten Strahlen der Sonne abbekamen, welche drauf und dran war, unterzugehen. Wir wurden alle golden und orange beleuchtet und bei dieser Gelegenheit entstanden auch die Gruppenfotos und noch weitere schöne Bilder. Mein kleiner Thiago, das ist der Junge, mit dem ich mich so super verstand, und ich hatten einen riesen Spaß als er immer so tat, als fotografiere er mich und ich nach jedem “klickklick” die Pose wechselte. Danach lagen wir nebeneinander im Gras und lachten uns schlapp, was wir oft in diesen Tagen taten. Ja, zwischen mir und diesem zwölfjährigen Jungen entwickelte sich eine echte Freundschaft, die mir auch jetzt, da ich wieder in Deutschland bin, noch unheimlich wichtig ist. Wir haben unermesslich viel gelacht zusammen, aber auch geweint, als dann der Abschied kam. Aber zurück zum letzten Teil unserer Tageswanderung. Nachdem alle sich vollgesogen hatten mit dem wunderbaren und auch einzigartigen Licht, das es dort oben vor dem Erlischen der Sonne gab, ging es weiter bergab. Wir stolperten über einige getrocknete Kuhfladen, was zu einer Fladenschlacht führte, an welcher sich aber nicht alle beteiligten, da es an diesem Tag allgemein schon mehr als genug Abenteuer gegeben hatte. Also brachten sich manche, ich mit eingeschlossen, vor den durch die Luft wirbelnden braunen Brocken in Sicherheit. Diese Sache hielt unseren Marsch aber nicht allzu lange auf und es ging weiter abwärts.

Es ist nicht zu leugnen, dass wir alle heilfroh waren, als wir endlich wieder bei unseren Häusern angekommen waren und uns ausruhen konnten. Es war schon Abend, weshalb es eigentlich nur noch das Abendessen gab und danach die Versammlung in der Kirche, bei welcher heute verständlicherweise besonders viele Kinder einschliefen. Vor allem die kleinen auf unseren Schößen schlummerten, eingelullt von den sanften, friedlichen Liedern, schnell weg und mussten danach von uns hinauf in ihre Zimmer gebracht werden. An diesem Abend gab es wohl keine Probleme mit dem Zubettbringen der Kinder, auch nicht bei den problematischeren Gruppen.

In der ganzen Woche gab es einige Krankheitsfälle, zum Teil unter den Kindern, zum Teil unter uns Betreuern. Es hatte einen kleinen Jungen erwischt, der für ein paar Tage mit vierzig Grad Fieber im Bett liegen musste, als auch ein Mädchen aus unserer deutschen Gruppe. Nora hatte nach dem Ausflug Fieber bekommen, was eventuell mit den Anstrengungen dieses Tages in Verbindung gebracht werden kann, aber wohl auch mit dem allgemeinen Stress, welchen wir als Betreuer den ganzen Tag bis spät in die Nacht über hatten. Wirklich war es neben all der Freude einfach so, dass wir kaum eine Minute lang Ruhe hatten, spät ins Bett gingen und in aller Frühe wieder aufstanden.

Für das Funktionieren des gesamten Tagesablaufes war das einfach vonnöten, aber wie gesagt, einfach war es nicht. Und nun war Nora eben tagelang ans Bett gefesselt, bis es ihr endlich wieder soweit gut ging, dass sie aufstehen konnte. Ganz am Anfang der Freizeit war auch Daniel, ein brasilianischer Betreuer, krank gewesen. Und mich traf es auch, allerdings nur für einen Tag, an welchem ich dann für ein paar Stunden neununddreißig Grad Fieber hatte. Aber nach zwei Stunden Schlaf ging es mir wieder verhältnismäßig gut. Meine Stimme allerdings gewann ich in der restlichen Freizeit nicht mehr vollständig wieder. Außer krächzen konnte ich nicht viel. Ich denke, sie hat vor allem bei dem Übersetzen während der Helferbesprechungen etwas gelitten, da sich diese immer mindestens drei Stunden lang hinzogen. Nun ja. Wenn ich dann mit dieser unberechenbaren Stimme versuchte, zu singen, wurde stets milde gelächelt.

Um ein bisschen auf das Verhältnis einzugehen, das wir zu den Kindern hatten; für unsere Gruppe war es anfangs wegen Sprachproblemen etwas schwierig, mit den Kindern zu kommunizieren, aber das verging mit der Zeit. Die Kinder kamen auf uns zu, auch ohne uns zu verstehen und es entstanden freundschaftliche Verbindungen zwischen vielen. Ein Mädchen aus unserer Gruppe, Doro, zum Beispiel freundete sich mit einem kleinen Jungen an, der aus dem Slum “Pequeno Principe” (kleiner Prinz) kam und mit dem sie sich auch ohne Worte verstand. Genauso wie ich zu Thiago versucht Doro nun von Deutschland aus, den Kontakt zu diesem Jungen, Liandro, brieftechnisch zu halten.

Manche Kinder haben nicht einmal Adressen, an die man schreiben könnte, in diesem Fall kann man dann an die ganze Organisation des Slums schreiben, von welcher aus der Brief weitergeleitet wird. Als mich mein kleiner Freund am letzten Tag fragte, ob ich ihm denn aus Deutschland einen Brief schreiben würde, und ich ihm mitteilte, dass das das mindeste sein würde, was ich zu tun gedachte, war er völlig begeistert und sagte in seiner wie immer halb ironischen Art: “Oooh, wie schick, ich bekomme einen Brüüüf aus Deutschland!”. Gleich danach aber kam die ernste Frage, wie viel es denn koste, eine Postkarte nach Deutschland zu schicken. Das ging mir ganz schön ans Herz. Oft schon hatte ich mich mit ihm über seine Situation unterhalten, er hatte immer traurig gesagt: “Alles hängt vom Geld ab. Wenn du es nicht hast, hast du kaum Möglichkeiten.” Dass sich ein zwölfjähriger Junge bereits solche Gedanken macht, hat mich sehr mitgenommen. Vor allem Thiago, der übersensible, intelligente Junge, der trotz seiner Situation seinen Humor nicht verliert. Ich habe ihn sehr ins Herz geschlossen, eben für seine weiche, sensible Art, für die liebevolle Weise, in der er andere, vor allem mich, ständig veräppelte. Außerdem war er ein Einzelgänger, was vielleicht an seiner Intelligenz liegt, aber wahrscheinlich auch daran, dass er etwas kräftiger gebaut ist. Kinder können, ohne dass sie es wollen, sehr grausam sein. Jedenfalls schien es ihn nicht allzu sehr zu stören, er war eben ein bisschen anders als die anderen Kinder. Und er konnte lachen, lachen, dass einem das Herz aufging, dass man unbedingt mit einstimmen musste.

Am ersten Tag bereits, als ich ihn da an meinem Tisch sitzen sah, viel mir der stille Junge auf, mit diesen Augen hinter langen Wimpern, in denen ein seltsamer trauriger Glanz zu wohnen scheint. Diese Augen, die tiefer zu blicken scheinen, wenn sie dich ansehen, die aber auch von vielen Erfahrungen, von Reife erzählen. Ich weiß nicht, wie man es ausdrücken kann, aber ich war fasziniert von diesem Jungen, scheinbar so unscheinbar. Nach den ersten Pannen, die mir persönlich an meinem Tisch passierten, und dem darauffolgenden Gelächter, am lautesten von ihm, entstand zwischen uns beiden eine Art Kommunikation. Er konnte sich unheimlich über meine Tollpatschigkeit amüsieren und ihm viel es auch oft als einzigem auf, wenn ich wieder einmal irgendetwas angerichtet hatte und versuchte, es zu überdecken. Einmal hatte sich meine Gruppe mit seiner zusammengeschlossen und wir waren zu einem kleinen Wasserfall gelaufen, an welchen man nach einstündigem Marsch kam. Er lag mitten im Wald, ein wunderschönes Fleckchen. Das Wasser floss über große, abgerundete Felsen nach unten in ein kleines Becken. Man konnte hinaufklettern und von oben herunterrutschen, landete dann in ebendiesem, und die Steine waren glitschig genug, um es kratzerfrei zu überstehen. Die Kinder waren natürlich von der Naturrutsche, auf der man übrigens ziemlich beschleunigte, mehr als begeistert. Also ging es dann immer einzeln, zu zweit oder auch in einer ganzen Reihe mit Gekreische abwärts. Thiago wollte zuerst sein T-Shirt nicht ausziehen, weil er behauptete, er sei hässlich. Zum Glück konnte ich ihm das aber dann ausreden.

Abgesehen von diesen individuellen Bekanntschaften, die wir machten, hatten wir zu allen Kindern einen schönen, intensiven Bezug. Umso mehr nahm uns der Abschied von der lebhaften, lauten Kindergruppe mit. Als die Stunde des Aufbruchs kam, waren alle völlig aufgelöst, viele hatten schon Stunden, manche sogar einen Tag zuvor angefangen zu weinen. Wir weinten mit ihnen, umarmten uns alle.

Am letzten Abend gab es eine riesige Überraschung für die Kinder. Die brasilianischen Betreuer hatten eine große Show organisiert, die nach der letzten Abendversammlung auf einer der Wiesen stattfand. Es war bereits stockfinster, alle Kinder saßen auf der Wiese in einem Halbkreis und warteten gespannt. Plötzlich ertönte lauter Trommelrhythmus und zwei der Betreuerinnen fingen mit brennenden Fackeln an zu tanzen. Sie waren in Schwarz gekleidet, sodass sich ihre Figuren kaum von der nächtlichen Dunkelheit abhoben, das Feuer ließ Schatten auf ihren Gesichtern entstehen und verschwinden, ganz im Schwung des Rhythmus’, während sie selber sich unheimlich geschmeidig und ausdrucksstark zu den Trommeln bewegten. Dieser Tanz war aber erst die Einführung, das Highlight kam danach.

Daniel, der, wie ich bereits erwähnt habe, am Anfang der Woche krank gewesen war, fing an, mit brennenden Jonglierbällen, später mit brennenden Kegeln zu jonglieren, alles begleitet vom dumpfen Trommeln im Hintergrund. Die Kinder erschraken, als einmal eine Stichflamme aus seinem Mund hervorstach, bis knapp vor unsere Füße. Es war eine supertolle und gelungene Show, die uns alle schwer beeindruckte.

Nicht nur die Kinder waren fasziniert von diesem außergewöhnlichen, fast unheimlichen Spektakel und verfolgten gebannt das Zischen der brennenden Ketten, mit welchen er, indem er sie mit verschiedenen Bewegungen um, neben und vor sich bewegte, vielfältige leuchtende Formen entstehen ließ. Es sah fast magisch aus, es sah wunderbar aus. Als es vorbei war, applaudierten alle, über und über begeistert.

Der nächste Morgen begann mit einem Frühstück, bei welchem bereits tausende von Tränen vergossen wurden, bevor wir uns das letzte Mal in den “Caramanchao” begaben. Ja, als dort dann schließlich das letzte Mal unsere Lieder gesungen und die Koffer sortiert und eingeladen worden waren, alles aufgeräumt war und die Busse vorfuhren, gab es kein Halten mehr. Viele Kinder klammerten sich noch, als sie bereits im Bus saßen, aus den Fenstern hängend an uns. Dann, als alle drei Busse, die jeweils in die verschiedenen Favelas fahren würden, verschwunden waren, breitete sich schlagartig eine drückende Stille aus. Natürlich war es die erste Gelegenheit nach zehn Tagen, wieder etwas zu Atem zu kommen und sich zu entspannen, aber spätestens nach den nächsten paar Stunden bekamen wir alle zu spüren, wie sehr uns die Kinder fehlten. Vor der Abfahrt hatte es noch einige ausgelassene, fröhliche Augenblicke gegeben, als ein paar Betreuer das “Löffeltheater” vorführten, bei welchem alles an lustigen und wichtigen Ereignissen nachgespielt worden war. Noch einmal erschallte lautes Gelächter unter den Kindern. Auch ich vergaß über den Spaß, den wir als Publikum hatten, den bevorstehenden Abschied für eine Weile, da wirklich einige sehr lustige Dinge passiert waren, an die wir uns nun fröhlich zurückerinnerten. Mit allem möglichen Besteck wurden die uns bereits bekannten Szenen dargestellt, so war man dann ein Löffel, oder eine Kartoffel, die auf einer Gabel steckte. Doch dann kam dafür alles doppelt und dreifach zurück, spätestens als Thiago aus dem “Caramanchao” rannte, weil ihm seine Tränen peinlich waren. Ob ich ihn denn auch nicht vergessen würde, fragte er mich, als ich ihm hinterherlief. Und ich beteuerte ihm sooft ich konnte, wieder und wieder, dass ich mich immer an meinen kleinen Freund erinnern würde.

Sao Paolo

Die nächsten Tage verbrachten wir noch zusammen mit den Brasilianern auf dem Gelände und unternahmen unter anderem einen großen Ausflug zur berühmten “Pedra de Baù”, einem riesigen Felsen, der mitten in der Landschaft steht und auf welchen man klettern kann. Wer nicht schwindelfrei war, hatte ohne Zweifel den Kürzeren gezogen, da die Eisensprossen, die in die Felswand eingelassen waren, teilweise verrostet und dünn waren, ganz nach brasilianischen Verhältnissen, und es, wenn man hinunterblickte, einige hundert Meter abwärts ging. Doch alle haben wir es heil überstanden, ja, sogar genossen. Wir verbrachten noch ein paar Abende mit den Brasilianern, kochten mit ihnen zusammen, und unterhielten uns bei einem Lagerfeuer. Doch das Gelände schien uns ohne die Kinder so verlassen, dass wir dann schon frühzeitig nach Sao Paolo aufbrachen. Dort besuchten wir eine der Favelas, aus welcher unsere Kinder gekommen waren. Die gewohnten Umgebungen der Kinder derart nah und echt mitzuerleben, war für uns, nachdem wir so viele von ihnen kennen- und liebengelernt hatten, sehr bedrückend, machte uns nachdenklich. Wir sahen uns die Einrichtung “Horizonte Azul” mit ihren Werkstätten, der Bibliothek und dem kleinen Schulraum an, wurden durch das gesamte Slum geführt und besuchten sogar einen unserer Jungen aus dem Ferienlager, der sich riesig freute, uns wiederzusehen. Seine Mutter war vor einigen Jahren erblindet, wurde von ihrem Mann verlassen, welcher sich nicht um seine Familie kümmert und erzieht nun ihre Kinder in einer winzigen, aus zwei Räumen bestehenden Hütte, die sich auf einem abgelegenen Hinterhof befindet. Als wir diese ärmliche Behausung sahen und wir die blinde Mutter begrüßten, brach uns das beinahe das Herz.

Zu sehen, unter welchen Umständen Wayndom, den wir als lebhaften und fröhlichen Jungen kannten, lebt, nahm uns sehr mit. Ja, wir gingen alle ziemlich benommen aus dieser Favela heraus. Den zweiten Schock erlitten wir, als wir schließlich bei den Häusern der Waldorfschüler, die mit uns die Kinder betreut hatten, ankamen und den scharfen Kontrast zu dem eben Erlebten erkannten, denn im Gegensatz zu den ärmlichen Hütten und den verschmutzten Straßen, die wir gerade hinter uns gelassen hatten, waren die Grundstücke und Häuser, die wir nun betraten, übertrieben luxuriös. Dieses ungleiche Verhältnis verwirrte uns, wir kamen mit dem plötzlichen Umschwung nicht zurecht.

Am Abend gab es im Haus von Daniel und seinen Brüdern ein Fest mit Pizza, zu dem neben uns Deutschen alle brasilianischen Betreuer mitsamt ihren Freundinnen und Freunden kamen. Es war ein schönes Abschlussfest, bei dem Musik gemacht, sich unterhalten und Pizza gegessen wurde. Jeder von unserer Gruppe hatte eine brasilianische Familie, bei welcher er die Nacht verbrachte. Ich persönlich schlief zusammen mit Doro, Nora und Max bei Daniel, Thiago und Paolo. Einer der Brasilianer, mit welchem ich mich lustigerweise sehr gut verstand, hieß auch Thiago. Am nächsten Morgen traten wir unsere einunddreißigstündige Busfahrt an und es ging auf nach Salvador.

Ich sitze im Bus und erinnere mich an das Lied, welches wir abends immer gesungen haben, welches Thiago zusammen mit mir gesungen hat, als wir Arm in Arm in der Kirche saßen. Übersetzt:

“Du, mein lieber Freund, ich habe dich aus den Augen verloren,
Weiß nicht mehr, wo du bist.
Wenn du dich gerade im Krieg befindest und kämpfst,
So bete ich für den Frieden.
Welche Wege gehst du, ohne Schutz und ohne Licht?
Alles in mir stellt sich vor, ich könnte dich beschützen,
Mein Herz schmerzt mir, weil ich nicht für dich da sein kann.”

Ich denke oft an ihn. Er, der unter so schwierigen Bedingungen aufwachsen muss, während ich in großem Reichtum lebe. Mein kleiner Freund, meu pequeno amigo.

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Teil 2 (Trinkwasserversorgung) - von Dorothee Krämer

Fotogalerie Teil 2

Der Bau unsere Wasserrades und die Zeit in Pé de Serra

31 Stunden mit dem Bus fahren.... Die Strecke von Sao Paulo nach Itabuna beträgt ca.1700 km und ist doch auf der Landkarte betrachtet nur ein Katzensprung auf der riesigen Fläche Brasiliens. Dennoch bietet sich uns bei der Ankunft in Itabuna eine völlig andere Welt als wir sie am Tag zuvor in Sao Paulo verlassen hatten. Während der Fahrt, die am Mittwoche den 5. August um 15.00 Uhr begonnen hatte, hatten wir immer nur halbstündige Essenspausen gemacht und so von der Welt durch die wir fuhren nicht viel mitbekommen. Es ist etwas anderes in einem klimatisierten Bus durch die Landschaft zu fahren als wirklich dort zu sein und sie richtig zu erleben. So kann ich heute auch nicht sagen in Rio de Janeiro gewesen zu sein, obwohl wir die wohl bekannteste Stadt Brasiliens irgendwann in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag durchfuhren und angestrengt Ausschau nach dem Zuckerhut hielten. Am Donnerstag um 22.00 Uhr stehen dann also zwölf erschöpfte Deutsche mit 24 Gepäcktaschen am Busbahnhof von Itabuna und sind überrascht von der schwülen Hitze, die natürlich zu erwarten gewesen war. Wir werden von zwei Taxis abgeholt, nach brasilianischer Art vollklimatisiert und bis unters Dach mit unserem Gepäck vollgeladen. Nach endlos scheinender Fahrt durch die Nacht erreichen wir „Kilometer 64“, erkennbar an einer „Bushaltestelle“, mitten in der Pampa. Klaus, der sich von der letzten Reise hier schon auskennt, macht sich auf und verschwindet in der Dunkelheit um Silvia, unsere Ansprechpartnerin zu suchen. Wir bleiben allein zurück und warten. Die Luft ist drückend, um uns herum ertönen lauter Geräusche die wir unmöglich zuordnen können, irgendwo rauscht das Meer und über uns ist ein Sternenhimmel, der mit dem von Deutschland nicht zu vergleichen ist. Nach einer Ewigkeit kommt Klaus zurück und berichtet uns, dass man uns erst in drei Tagen erwartet hätte. Trotzdem, als wir 10 Minuten später aussteigen uns unser Haus betreten empfängt uns in der Küche Kistenweiße frisches Obst und sogar ein voller Kühlschrank. Wir brechen in Euphorie aus, wuseln auf Erkundungstour durchs ganze Haus und sind begeistert. Die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Schnell schlüpfen wir in unsere Badesachen und machen uns auf den Weg zum Strand. Nach ca. 50m durch die Siedlung treten wir unter einpaar riesigen Palmen hervor und stehen plötzlich an einem Strand, den wir uns nicht hätten erträumen lassen. Den weichen weißen Sand unter unseren Füßen treten wir zum Wasser und strecken vorsichtig die Zehen in die Wellen. Das Wasser ist so warm, dass wir bald im Schein des Vollmondes jubelnd durch die Wellen springen.

Richtig bewusst wird uns alles erst am nächsten Morgen. Zum Frühstück gibt es Mangos, Melonen und Papayas. Unsere Nachbarn bringen uns noch Grünen Kokosnüsse, schlagen sie auf und geben uns die frische Kokosmilch zu trinken. Klaus fährt hoch zur Schule bei der wir das Wasserrad bauen wollen um sich dort nach der Lage zu erkundigen während wir uns erst einmal einen schönen Tag machen. Er kommt zurück mit der Nachricht, dass unser Material noch nicht da ist, wie es eigentlich ausgemacht war, und dass wir deshalb erst einmal noch ein paar freie Tage haben. Dafür sind wir gleich für Abends zu einer Feier in Serra Grande, dem nächst größeren Dorf eingeladen. Wir laufen zu Fuß hoch. Natürlich fallen wir sofort auf, ganz egal wo wir hin gehen. In dem kleinen Örtchen kennt man sich und eine so große Gruppe junger Europäer sieht man dort nicht so oft. Eine Band spielt Forro (ein typisch brasilianischer Tanz- und Musikstil) und schon bald werden die ersten von uns Mädchen zum Tanzen aufgefordert, was wir natürlich überhaupt nicht gewohnt sind. Im Laufe der zwei Wochen verbringen wir mehrere schöne Abende im Dorf oben während denen wir von den Einheimischen immer unglaublich freundlich und aufgeschlossen behandelt werden.

Nach mehreren Strandtagen und einer komplizierten Einkaufstour ist zumindest die Pumpe für das Wasserrad da, sodass wir mit der Arbeit beginnen können. Unser Projekt besteht darin, an einem Bach im Urwald unter der Waldorfschule Dende de Serra ein Wasserrad anzubringen. Dieses betreibt dann eine Pumpe an, welches dann das Wasser aus einem kleinen Nebenbach 300 Meter bis zur Schule hinaufpumpt. Es muss also ein Staudamm durch den Fluss gebaut werden damit der Wasserpegel auch in Trockenzeiten hoch genug ist, Leitungen und Rohre den stark bewaldeten Hang hoch und dann in einem Graben über den Pausenhof verlegt werden, die Pumpe muss anzementiert und das Wasserrad eingebaut werden. Nachdem wir schon einige Tage arbeiten werden wir schließlich offiziell und von der ganzen Schule begrüßt. Wir überreichen unsere Geschenke bestehend aus verschiedenen Schulmaterialien. Als die Kinder erfahren, dass wir für jedes von ihnen einen Füller mitgebracht haben, strahlen ihre Augen. Als große Herausforderung bei der Arbeit stellt sich das Transportieren der Baumaterialien über einen kleinen Trampelpfad durch den steilen Urwald da. Der einzigen Schubkarre fehlen leider beide Räder und so muss alles Mögliche als Transportbehälter herhalten. Für den Staudamm und eine Befestigungsmauer müssen tonnenweiße Steine aus dem Fluss geschleppt werden und das gerade einbetonierte Gestell für die Pumpe muss noch einmal ausgehauen und an einer anderen Stelle aufgebaut werden, weil der Wasserstand an der ersten zu niedrig ist. Unser Arbeitstag beginnt gewöhnlich um 6.00 morgens. Völlig verschlafen stehen wir an der Bushaltestelle und warten auf den Schulbus, der die Kinder vor ihren Haustüren abholt. Nach dem Weg hoch zur Schule brauchen wir erst einmal alle eine Tasse Tee und gehen dann wieder runter an unsere Arbeitsstelle. Zur Schulpause gibt es eine kleine Mahlzeit. Wenn wir mit unserer Arbeit fertig sind springen wir erst einmal in den Fluss, glücklich darüber nach dem vielen Meerwasser auch mal wieder Süßwasser um sich zu haben. Gegen 12.00 Uhr können die Mädchen dann oft schon wieder gehen. Wir fahren ins Dorf hoch um Lebensmittel zu kaufen, wobei wir es bald aufgegeben haben auf den Bus zu warten sondern lieber trampen, weil die Busse immer irgendwann kommen und man, wenn man Pech hat, auch mal eine Stunde warten muss. Also springen wir einfach bei haltenden Pick-ups auf die Ladefläche oder quetschen uns zu fünft in einen kleinen Golf.

Einmal lud uns Silvia zu einer Wanderung zusammen mit den Schulkindern ein. Wir wollen ein paar der Kinder zuhause besuchen um zu sehen wie sie leben und dann über einen Mangrovenwald hin zu einem schönen verlassenen Strand gehen. Natürlich fährt der Bus nicht, wie er sollte und wir können uns erst eine Stunde verspätet treffen. Doch es geht alles gut und bald ziehen wir als eine große Gruppe bestehend aus Lehrern, Schülern, uns Deutschen und den Zivis der Schule los. Wir machen bei einer Familie Halt, die obwohl sie alle zusammen in einer kleinen Hütte leben, sehr zufrieden wirken. In ihrem kleinen Garten bauen sie Obst an und der ganze Zaun ist mit Wäsche behängt. Bei einem Kakaobauern stärken wir uns mit Kokosmilch und dem süßen Fruchtfleisch der Kakaobohnen und ziehen dann weiter. Urplötzlich stehen wir vor einem Mangrovenwald. Die ersten der Gruppe waten schon durch das knöcheltiefe Wasser. Wir bekommen noch die Anweißung unsere Rucksäcke über den Kopf zu nehmen und schon umfließt das Wasser auch unsere Knie, dann unsere Hüften, unsere Oberkörper..... Klaus reicht das Wasser schließlich bis zum Hals während alle die kleiner sind als er schwimmen müssen. Wir graulen also durch die schwarze, stinkende Brühe und sind über mindestens zwei Dinge froh: erstens, dass das Wasser vollkommen trüb ist und wir so nichts von dem sehen, was sich in nächster Nähe um uns herum so tummelt und zweitens darüber, dass uns vorher niemand gesagt hatte, dass wir durch einen Mangrovenwald schwimmen würden, denn sonst wären wir vielleicht nicht mitgegangen und hätten definitiv etwas verpasst.

Die Zeit in Pe de Serra vergeht. Als unser Wasserrad fertig gestellt ist wird uns von der ganzen Schule gedankt und wir werden verabschiedet. An unserem letzten Abend wollen wir dann endlich unser Lagerfeuer am Strand machen, auf das wir schon die ganze Zeit gewartet hatten. Unsere Nachbarn sind wie immer helfen dabei und bis das Feuer brennt hat sich eine Gruppe von bestimmt 30 Leuten im Kreis herum versammelt. Viele der Jugendlichen aus dem Dorf sind gekommen um unseren letzten Abend mit uns zu verbringen. Sie haben eine unglaubliche Körperbeherrschung und machen d Flickflacks und Saltos am Strand entlang. Mit gemischten Gefühlen verabschieden wir uns von Pe de Serra. Auf der einen Seite tut es jedem von uns weh dieses ruhige Fleckchen Erde zu verlassen. Den Strand, das Meer, die netten Menschen, das kleine Dörfchen. Aber manchen von uns ist die Zeit dort auch etwas lang geworden. Nach der stressigen aber so lebendigen Woche im Kinderlager sind wir auf einmal so „allein“ gewesen, nur wir Deutschen. Wir haben die Kinder vermisst, den durchgeplanten Tagesablauf, das Gefühl, ständig etwas zu tun zu haben.

Nun wollen wir die letzten Tage in Brasilien in der Stadt Salvador verbringen. Nachdem wir einen Bus verpasst haben und dann 13 Stunden in der nächst Größeren Stadt Ilheus warten müsse, erreichen wir unsere Herberge anders als geplant morgens um 6.00 Uhr. Wir warten auf das Frühstück und legen uns dann noch alle auf ein Nickerchen hin, weil wir so fasziniert sind von den in unseren Augen plötzlich total luxuriösen Zimmern. Frische Handtücher, eine Bettdecke, Matratzen ohne Flöhe und vor allem ein Ventilator, der uns die Mücken vom Leib hält. Dann erkunden wir zwei Tage lang in kleinen Gruppen die Stadt. Salvador verfügt über eine große und alte Markthalle und einen Fahrstuhl, mit dem man von der Ober- in die Unterstadt fahren kann. Es begegnen uns viele seltsame Menschen besonders die aufdringliche Kleinkünstler machen uns zu schaffen, da man uns natürlich wieder von weitem ansieht, dass wir Touristen sind. Abends spielt sich auf dem Platz am Leuchtturm von Salvador ein ganz besonderes Schauspiel ab: da sich Salvador auf der äußeren Spitze einer Halbinsel befindet ist es die einzige Stelle von ganz Brasilien, von der aus man den Sonnenuntergang über dem weit entfernten brasilianischen Festland beobachten kann. Pünktlich um 18.00 Uhr versammeln sich dort also jede Menge Pärchen und andere Schaulustige um der Sonne in stillen Staunen beim untergehen zuzusehen. Sogar der Bierverkäufer setzt sich, als er sieht, dass es nicht mehr lange dauern kann, ruhig hin und wartet bis sie weg ist, bevor er laut „Cerveja“ rufen weiterzieht. Wenn sie dann endgültig verschwunden ist klatschen alle Zuschauer begeistert und machen sich dann langsam wieder auf den Weg.

Für uns endet mit Salvador unsere Zeit in Brasilien. Am Sonntagnachmittag geht unser Flieger. In Sao Paulo müssen wir umsteigen, finden uns plötzlich wieder in der verregneten Großstadt, genau wie an unserem ersten Tag in Brasilien. Sophia wird abgeholt, sie wird in Brasilien bleiben. Wir andern verabschieden uns jeder für sich von einem Land, das jedem auf eine andere Weiße ans Herz gewachsen ist und von einer Zeit, die wir nie vergessen werden. Am Frankfurter Flughafen werden wir von unseren glücklichen Familien empfangen. Manche von uns können ihre Freude darüber, dass wir wieder da sind nicht ganz nachvollziehen. Irgendwie wird man wieder daran erinnert wie Deutschland ist. Alles ist sauber, korrekt und dabei so kalt. Man sieht sein eigenes Heimatland und alles, was man gewohnt ist plötzlich durch ganz andere Augen, man fühlt sich fehl am Platz, irgendetwas stimmt nicht. Bei der Bäckerin am Flughafen antworte ich beinahe mit einem portugiesischen „obrigada“ nachdem sie mir die frische Brezel gereicht hat. Zuhause anzukommen ist seltsam. Man wird begrüßt, gefragt wie es war. Und man ist erstaunt darüber, dass sich in diesen vier Wochen, in denen man so viel erlebt hat und in denen so viel passiert ist, hier nichts verändert hat.

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